Teil 4: KZV Geschichte 1960-1971
Ruhigeres Fahrwasser und die erste Jungtierschau
Manchmal beginnt eine neue Zeit nicht mit einem grossen Fest, nicht mit einem Neubau und nicht mit einem öffentlichen Auftritt. Manchmal beginnt sie mit einem Wechsel im Ton. Mit weniger Streit. Mit mehr Vertrauen. Mit dem Gefühl, dass ein Verein nach Jahren der Unruhe wieder atmen kann.
Beim Kleintierzuchtverein Bissingen war 1960 ein solches Jahr. Die alten Auseinandersetzungen, die Wechsel und stürmischen Versammlungen der fünfziger Jahre lagen noch nicht weit zurück. Doch mit Karl Maier kam ein Vorsitzender an die Spitze, unter dem sich der Verein wieder stärker auf das besann, wofür er gegründet worden war: Kleintierzucht, Gemeinschaft, Ausstellung, fachlicher Austausch und die Freude an Tieren.
Die Chronik findet dafür ein schönes Bild. Das Vereinsschiff habe sich mittlerweile aus der stürmischen Atmosphäre in ruhigere Gefilde begeben. Das Barometer des Vereins stand nicht mehr auf Sturm. Nach den unruhigen Jahren war das mehr als eine freundliche Formulierung. Es war die Beschreibung eines Vereins, der wieder Kurs gewann.
1960: Ein neuer Anfang unter Karl Maier
Als Karl Maier 1960 Vorsitzender wurde, lag hinter dem KZV eine schwierige Phase. Rücktritte, Abwahlen und persönliche Spannungen hatten dem Verein zugesetzt. Die Chronik spricht davon, dass nach der Abgabe der Macht der alten Garden nun daran gegangen werden konnte, „das neue Testament des Vereins“ zu schreiben.
Das klingt feierlich, fast biblisch, aber es meint etwas sehr Praktisches: Der Verein brauchte eine neue Ordnung. Er brauchte Ruhe. Er brauchte Menschen, die nicht nur über Zuständigkeiten stritten, sondern anpackten. Karl Maier wurde in dieser Situation zur neuen prägenden Figur.
Deutschland und Baden-Württemberg veränderten sich in diesen Jahren ebenfalls. Nach den Mangeljahren der Nachkriegszeit war der wirtschaftliche Aufschwung längst im Alltag angekommen. Das Haus der Geschichte beschreibt die Bundesrepublik der 1960er-Jahre als eine Gesellschaft im Wandel, in der Lebensstandard, Konsum, Freizeit und Urlaub für viele Menschen an Bedeutung gewannen.
LeMO / Haus der Geschichte: Bundesrepublik im Wandel
Für den KZV lässt sich daraus keine einfache Erklärung ableiten. Aber die Gleichzeitigkeit ist bemerkenswert: Während sich die Bundesrepublik in Richtung Wohlstandsgesellschaft bewegte, begann auch der Verein, sich aus den engen und konfliktreichen Jahren herauszulösen. Nicht als Spiegel der grossen Geschichte, sondern als kleine lokale Bewegung in derselben Zeit.
Ein Verein findet zu seiner Aufgabe zurück
Die Chronik beschreibt die Veränderung im Verein mit spürbarer Erleichterung. Das Barometer stand nicht mehr auf Sturm, und man besann sich wieder auf den eigentlichen Zweck des Vereins.
Dieser Satz ist wichtig. Er sagt nicht nur, dass weniger gestritten wurde. Er sagt, dass der Blick wieder nach vorn ging. Es ging wieder um Tiere, Zucht, Bewertung, Ausstellung und Zusammenarbeit. Um das, was einen Kleintierzuchtverein im Kern ausmacht.
In dieser Zeit wandelte sich auch die Kleintierzucht selbst. Die Festschrift beschreibt später, dass in der Gründerzeit und bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg der Nutzen der Kleintiere stark im Vordergrund stand. Ab den fünfziger Jahren verschob sich der Schwerpunkt stärker auf Schönheit der Farben und Formen, auf Rassen, Farbenschläge und züchterische Qualität. Genau in diese Entwicklung hinein fällt die ruhigere Phase des KZV ab 1960.
Damit wurde die Kleintierzucht nicht weniger ernsthaft. Im Gegenteil: Wer nicht mehr nur nach dem unmittelbaren Nutzen eines Tieres fragte, konnte sich stärker der Zucht, dem Vergleich und der Verbesserung widmen. Aus Haltung wurde stärker Gestaltung. Aus Erfahrung wurde Bewertung. Aus dem einzelnen Tier im Stall wurde ein Tier, das auf einer Schau gezeigt, geprüft und mit anderen verglichen wurde.
1964: Karl Maier gibt das Amt ab
Vier Jahre nach seinem Amtsantritt musste Karl Maier den Vorsitz wieder niederlegen. Nicht aus Streit, nicht aus Enttäuschung, sondern wegen Arbeitsüberlastung. Er hatte sich selbständig gemacht und musste seinen Betrieb aufbauen.
Auch dieser Moment erzählt viel über Vereinsarbeit. Ehrenamt steht selten allein im Leben. Wer Verantwortung im Verein übernimmt, hat Familie, Beruf, Betrieb, Tiere, Verpflichtungen und Alltag. Gerade in einem kleinen Verein hängt vieles an wenigen Schultern. Wenn eine dieser Schultern im Berufsleben stärker belastet wird, spürt es auch der Verein.
Karl Maier verschwand jedoch nicht aus der Geschichte des KZV. Bei seinem Rücktritt liess er sich später, wie die Chronik berichtet, das Versprechen abnehmen, im Notfall wieder für den Verein da zu sein. Dieses Versprechen sollte noch wichtig werden.
Den Vorsitz übernahm Emil Weil.
Emil Weil und die erste Jungtierschau
Unter Emil Weil setzte sich die ruhigere Entwicklung fort. Der Verein war nicht mehr vor allem mit sich selbst beschäftigt. Er konnte wieder etwas wagen. Und 1966 wagte er einen Schritt, den er lange gescheut hatte: die erste Jungtierschau.
Die Jungtierschau war mehr als eine zusätzliche Veranstaltung im Vereinskalender. Sie bedeutete, dass junge Tiere gezeigt, begutachtet und besprochen wurden. Sie brachte Züchter zusammen, machte Entwicklung sichtbar und gab dem Vereinsleben einen neuen öffentlichen Ausdruck.
Man kann sich diese erste Jungtierschau nicht nur als Ausstellung vorstellen. Sie war auch ein Zeichen von Mut. Nach Jahren der inneren Unruhe trat der Verein wieder sichtbarer nach aussen. Er zeigte nicht nur fertige Zuchtergebnisse, sondern den Weg dorthin: junge Tiere, Erwartungen, Hoffnungen, züchterische Arbeit, die noch im Werden war.
Der Schritt war deshalb so wichtig, weil aus ihm später mehr werden sollte. Die Jungtierschau wurde zur Grundlage für jene Verbindung aus Ausstellung, Sommerfest und später Göckelesfest, die den KZV über Jahrzehnte prägen sollte.
Bissingen und die Region in den sechziger Jahren
Bissingen blieb in diesen Jahren ein Ort unter der Teck, geprägt von Landschaft, Landwirtschaft, Handwerk, Nachbarschaft und dem Wandel der Nachkriegszeit. LEO-BW verweist darauf, dass Viehzucht und Schafhaltung in Bissingen wie in der Umgebung lange Bedeutung hatten. Auch Weinberge gab es vor allem am Dachsbühl, am Bol und wohl auch am Bürgle; endgültig aufgegeben wurden diese Kulturen um 1960.
LEO-BW: Bissingen an der Teck – historische Ortsentwicklung
Solche Angaben erzählen nichts unmittelbar über den KZV. Aber sie zeigen den Raum, in dem der Verein lebte: eine Gemeinde, deren Geschichte lange von Landwirtschaft, Tierhaltung, Flächen, Höfen und ländlicher Arbeit geprägt war – und die sich zugleich veränderte.
Auch in Baden-Württemberg insgesamt stehen die 1950er- und 1960er-Jahre für wirtschaftlichen Aufschwung, gesellschaftlichen Wandel und neue Lebensverhältnisse. Landeskundliche Unterrichtsmaterialien des Landes Baden-Württemberg ordnen diese Zeit unter anderem mit den Themen Wirtschaftswunder, Gastarbeiter, Wirtschaftsordnung und gesellschaftliche Entwicklung ein.
Landeskunde Baden-Württemberg im Unterricht: 1950er- und 1960er-Jahre
Für einen Kleintierzuchtverein bedeutete diese Zeit nicht automatisch Leichtigkeit. Aber sie veränderte den Hintergrund, vor dem Vereinsleben stattfand. Freizeit wurde für viele Menschen bewusster erlebbar. Ausstellungen, Feste und Vereine konnten stärker zu Orten werden, an denen Gemeinschaft nicht nur notwendig, sondern auch gewünscht war.
1968: Nabern, Mühlberger und das Sommerfest
1968 ging der Verein einen weiteren Schritt. Die Jungtierschau wurde mit einem Sommerfest verbunden und in der Halle der Firma Mühlberger in Nabern abgehalten. Auch die nächsten drei Ausstellungen fanden dort statt.
Nabern war nicht Bissingen. Und doch wurde dieser Ortswechsel für den Verein wichtig. Er zeigte, dass die Jungtierschau grösser gedacht werden konnte. Nicht mehr nur als interne oder rein züchterische Veranstaltung, sondern als Ereignis, das Ausstellung und Begegnung miteinander verband.
Die Halle der Firma Mühlberger gab dem Verein einen Rahmen. Ein Sommerfest gab der Schau eine neue Atmosphäre. Tiere, Züchter, Familien, Besucher, Gespräche, Essen, Trinken, Geselligkeit – all das rückte näher zusammen.
In dieser Verbindung lag ein Stück Zukunft. Denn der KZV sollte später genau aus dieser Verbindung seine besondere Kraft entwickeln: Kleintierzucht und Festkultur, Ausstellung und Bewirtung, fachlicher Anspruch und öffentliches Vereinsleben.
Als die Jungtierschau grösser wurde
Doch Wachstum bringt nicht nur Freude. Es bringt auch Arbeit. Wer eine grössere Ausstellung vorbereitet, muss planen, aufbauen, organisieren, Tiere unterbringen, Helfer einteilen, Material beschaffen, Besucher empfangen und vieles mehr. Was nach aussen als schönes Fest erscheint, beginnt für die Vereinsmitglieder lange vorher.
Emil Weil musste sein Amt nach vier Jahren krankheitsbedingt abgeben. Karl Emmenegger wurde zum zweiten Mal Vorsitzender. Doch auch seine Amtszeit endete in einer schwierigen Situation. Während der Vorbereitungen zur Jungtierschau 1971 legte er sein Amt nieder. Die Chronik vermutet, dass Grösse und Umfang des damit verbundenen Festes ihm über den Kopf gewachsen seien.
Das ist keine harte Anklage, sondern eine menschliche Beschreibung. Nicht jeder, der Verantwortung übernimmt, kann jede Entwicklung tragen. Manchmal wächst eine Aufgabe schneller als die Strukturen, die sie bewältigen sollen. Und manchmal zeigt gerade ein Rücktritt, dass der Verein an einem Punkt angekommen ist, an dem er neu entscheiden muss, wer ihn weiterführt.
1971: Karl Maier kehrt zurück
Bei der nächsten Hauptversammlung wurde Karl Maier wieder zum Vorsitzenden gewählt. Damit erfüllte sich jenes Versprechen, das er sich bei seinem ersten Rücktritt hatte abnehmen lassen: Im Notfall war er wieder für den Verein da.
Diese Rückkehr ist einer der wichtigen Momente in der Geschichte des KZV. Sie verbindet die Stabilisierung von 1960 mit der kommenden Aufbauphase der siebziger Jahre. Karl Maier war nicht neu. Er kannte den Verein, seine Menschen, seine Konflikte und seine Möglichkeiten. Er hatte bereits erlebt, wie aus Unruhe wieder Ordnung werden konnte.
Ab 1971 begann eine Phase, in der der Verein endgültig sichtbarer wurde. Die Jungtierschau war gewachsen. Das Sommerfest hatte gezeigt, welches Potenzial in der Verbindung von Ausstellung und Begegnung lag. Bald sollte der Verein nach Bissingen zurückkehren, ein Göckelesfest entwickeln, ein eigenes Festzelt bauen und sich bis zum 75-jährigen Jubiläum materiell, züchterisch und finanziell stark aufstellen.
Was diese Jahre vorbereiteten
Die Jahre 1960 bis 1971 erzählen von Beruhigung, Mut und wachsender Verantwortung. Nach den stürmischen fünfziger Jahren fand der KZV in ruhigeres Fahrwasser. Karl Maier brachte Stabilität, Emil Weil führte den Verein weiter, und mit der ersten Jungtierschau 1966 entstand ein Format, das weit über diesen einzelnen Moment hinaus Bedeutung gewinnen sollte.
Diese Jahre waren keine laute Erfolgsgeschichte. Sie waren eher ein Aufbau im Stillen. Der Verein lernte, wieder nach vorn zu schauen. Er lernte, eine Ausstellung zu wagen. Er lernte, dass aus einer Schau ein Fest werden konnte. Und er lernte auch, dass grössere Veranstaltungen grössere Verantwortung mit sich bringen.
1971 stand der KZV deshalb an einer Schwelle. Hinter ihm lagen die unruhigen Jahre und die erste Phase der Stabilisierung. Vor ihm lagen Rückkehr, Wachstum und öffentliche Sichtbarkeit. Karl Maier war wieder Vorsitzender. Die nächste Etappe konnte beginnen.
Der fünfte Teil dieser Serie erzählt von dieser Etappe: von der Rückkehr nach Bissingen, von Jungtierschau und Göckelesfest, vom eigenen Festzelt und davon, wie der KZV bis 1989 zu einer festen Grösse im Bissinger Vereinsleben wurde.
Quellen und weiterführende Hinweise
Interne Grundlage:
Festschrift „75 Jahre Kleintierzuchtverein Bissingen an der Teck“, insbesondere Vereinschronik mit den Angaben zu Karl Maier, Emil Weil, Karl Emmenegger, der ersten Jungtierschau 1966, den Ausstellungen in Nabern ab 1968 und der Rückkehr Karl Maiers im Jahr 1971.

