Teil 1: KZV Geschichte 1914-1920
Ein Verein entsteht in einer Welt im Umbruch
Es gibt Vereinsgeschichten, die mit einer Urkunde beginnen. Mit sauber geführten Protokollen, mit einer Gründungsversammlung, mit Namen, Daten und Unterschriften. Die Geschichte des Kleintierzuchtvereins Bissingen beginnt anders. Sie beginnt mit einer Lücke.
Die Chronik zum 75-jährigen Jubiläum hält fest, dass der Kleintierzuchtverein Bissingen im Jahr 1914 gegründet wurde. Doch die ersten Spuren sind nur bruchstückhaft erhalten. Die alten Vereinsbücher wurden später nicht an die Nachfolger weitergegeben und gingen nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden Georg Decker verloren. Was blieb, waren einzelne Namen, Erinnerungen und die Gewissheit: Im Jahr 1914 fanden sich in Bissingen Menschen zusammen, um einen Kleintierzuchtverein zu gründen.
Bissingen lag damals, wie heute, am Fuss der Schwäbischen Alb. Oberhalb des Ortes wacht der Teckberg mit der Burg Teck; Streuobstwiesen, Waldflächen und der Albtrauf prägen bis heute das Bild der Gemeinde. Die heutige Gemeinde beschreibt den Kernort als idyllisch eingebettet in Streuobstwiesen und Waldflächen am Fuss der Schwäbischen Alb.
Wer sich diesem Anfang nähert, sollte deshalb nicht zuerst an einen grossen Saal denken. Eher an ein Dorf unter der Teck. An Gärten, Ställe, Scheunen, Höfe und Wege zwischen Haus und Feld. Tiere gehörten damals anders zum Alltag als heute. Sie waren nicht nur Hobby, nicht nur Liebhaberei, sondern Teil eines Lebens, in dem Nutzen, Erfahrung und sorgfältige Haltung eng beieinander lagen.
Ein Gründungsjahr im Schatten grosser Geschichte
1914: Dieses Jahr steht in der deutschen und europäischen Geschichte für einen tiefen Bruch. Nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 spitzte sich die politische Lage in Europa dramatisch zu. Ab August befanden sich Deutschland und Österreich-Ungarn im Krieg gegen Frankreich, Grossbritannien und Russland. Das Deutsche Historische Museum beschreibt den Ersten Weltkrieg zudem als Krieg, der nicht nur an den Fronten, sondern auch an der sogenannten Heimatfront geführt wurde.
Für den KZV lässt sich dokumentieren: Der Verein wurde im selben Jahr gegründet, in dem der Erste Weltkrieg begann. Karl Maier, der spätere Vorsitzende des KZV, fasste diesen schweren Anfang im Grusswort zum 75-jährigen Jubiläum knapp zusammen: Der Start sei schwer gewesen, denn das Gründungsjahr sei mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammengefallen.
Bissingen war 1914 noch Teil des Königreichs Württemberg. Baden-Württemberg gab es nicht, und auch die politische Ordnung, in der der Verein gegründet wurde, sollte nur noch wenige Jahre bestehen. Das Landesarchiv Baden-Württemberg führt das Königreich Württemberg als Epoche von 1806 bis 1918 und verweist mit seiner Ausstellung „Monarchie und Moderne“ auf den Wandel dieses Landes in den Jahrzehnten vor seinem Ende.
So stand am Anfang des KZV ein merkwürdiges Nebeneinander: hier ein kleiner Verein in einem Dorf unter der Teck, dort ein Europa, das in den Krieg ging; hier Hühnerhalter, Züchter, Kassiere und Vorstände, dort Kaiserreich, Mobilmachung und Fronten. Das eine erklärt nicht automatisch das andere. Aber die Gleichzeitigkeit macht spürbar, wie lange diese Geschichte zurückreicht.
Bissingen zwischen Teck, Neckar und Alltag
Bissingen war kein Ort ausserhalb der Zeit. Kirchheim unter Teck lag als grösserer Nachbar im Norden, Nürtingen war nicht weit, und beide Städte zeigen, wie schnell der Krieg im regionalen Alltag ankam. Für Nürtingen nennt die örtliche DRK-Chronik den 1. August 1914 als Kriegsbeginn, den 5. August als Mobilmachung der Kolonne und den 11. August als Tag, an dem in Nürtingen ein Lazarett eingerichtet wurde und erste Verwundete eintrafen.
Kirchheim unter Teck wiederum verortet den Ersten Weltkrieg in seiner Stadtgeschichte als eigenes Kapitel. Auch dort wurde die grosse Geschichte zur lokalen Geschichte: nicht abstrakt, sondern in Familien, Zeitungen, Vereinen, Kirchen, Schulen, Betrieben und auf den Strassen der Stadt.
Bissingen lag zwischen diesen regionalen Bezugspunkten. Das Dorf war kleiner, überschaubarer, stärker vom ländlichen Raum geprägt. LEO-BW beschreibt für Bissingen historische Linien, die lange in Landwirtschaft, Grundherrschaft, kirchlichen Bezügen und der Zugehörigkeit zu Württemberg verwurzelt sind.
Gerade in einem solchen Umfeld hatte Kleintierzucht eine naheliegende Bedeutung. Sie gehörte in Gärten, an Höfe, in Ställe und Hinterhöfe. Sie war praktisch, aber nicht nur praktisch. Sie war Erfahrung, Sorgfalt, Beobachtung, Austausch – und mit der Gründung des Vereins auch Gemeinschaft.
Kleintierzucht als Wissen, Nutzen und Gemeinschaft
Was bedeutete es, im Jahr 1914 einen Kleintierzuchtverein zu gründen?
Die Festschrift gibt darauf einen wichtigen Hinweis. Im Grusswort des Landesverbandes der Rassegeflügelzüchter Württemberg-Hohenzollern wird der Vereinszweck im Gründungsjahr beschrieben: Es ging um die Förderung und Veredelung der Geflügelrassen. Landwirtschaftliche Hühnerhalter sollten beraten und geeignete, leistungsfähige Rassen für die Hofhaltung empfohlen werden. Auch Ausstellungen und fachliche Vorträge gehörten zu den Mitteln, mit denen dieses Ziel erreicht werden sollte.
Das ist ein entscheidender Punkt. Kleintierzucht war damals nicht nur Freizeitbeschäftigung. Sie hatte eine praktische, alltagsnahe Seite. Wer Hühner hielt, dachte an Eier. Wer Kaninchen hielt, dachte auch an Fleisch. Wer Geflügel züchtete, dachte an Haltung, Futter, Gesundheit, Auswahl, Leistung und Erfahrung.
Zugleich war ein Verein mehr als eine lose Gruppe von Tierhaltern. Er ordnete Wissen. Er schuf Austausch. Er brachte Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nur über den Gartenzaun hinweg begegnet wären. Er machte aus persönlicher Erfahrung eine gemeinsame Sache.
In den späteren Grussworten zum 75-jährigen Jubiläum klingt genau dieser Gedanke noch nach. Dort ist von Züchterfleiss, Treue, Kameradschaft, fachlicher Aussprache, Geselligkeit und friedlichem Wettbewerb bei Ausstellungen die Rede. Die Sprache ist die Sprache ihrer Zeit, aber ihr Kern ist bis heute verständlich: Ein Verein lebt nicht nur von Tieren. Er lebt von Menschen, die Zeit, Arbeit und Verantwortung teilen.
Namen aus dem Anfangsnebel
Von den ersten Männern des Vereins sind nur wenige Namen überliefert. Einer der ersten Vorstände war nach der Chronik der Kolonialwarenhändler Dietz. Auch Gottlieb Müller, in der Erinnerung als „Müllers Gottlieb“ bezeichnet, wird als kurzfristiger Vorsitzender genannt. Als Gründungsmitglied ist vor allem Georg Herrmann greifbar, der später lange Kassier des Vereins war.
Diese Namen stehen heute wie schmale Lichtstreifen in einer frühen Vereinsgeschichte, die nicht mehr vollständig ausgeleuchtet werden kann. Man sieht keine ganze Gründungsversammlung vor sich, keine Liste aller Anwesenden, keine Wortmeldungen, keine Abstimmungen. Aber man sieht genug, um den Anfang zu erkennen: Menschen in Bissingen übernahmen Verantwortung. Sie gaben dem, was vermutlich schon vorher in Höfen, Gärten und Ställen praktiziert wurde, eine gemeinsame Form.
Vielleicht war gerade das typisch für viele Vereine jener Zeit. Nicht alles begann mit Pathos. Manches begann mit einem praktischen Gedanken, mit einem Gespräch, mit dem Wunsch, Tiere besser zu halten, Rassen zu verbessern, Erfahrungen weiterzugeben und sich mit Gleichgesinnten zu treffen.
Ein kleiner Verein in grosser Zeit
Während in Berlin, Wien, Paris, London und St. Petersburg Entscheidungen fielen, die Europa in den Krieg führten, begann in Bissingen eine kleine lokale Vereinsgeschichte. Sie war nicht laut. Sie war nicht weltpolitisch. Sie stand in keinem Geschichtsbuch. Und doch gehört sie zu dem, was Geschichte im Alltag ausmacht.
Denn Geschichte besteht nicht nur aus Kabinetten, Schlachten und Verträgen. Sie besteht auch aus dem, was Menschen vor Ort beginnen, fortführen und an die nächste Generation weitergeben. Ein Kleintierzuchtverein ist kein weltgeschichtliches Ereignis. Aber wenn ein solcher Verein über Jahrzehnte besteht, zeigt er etwas anderes: Beharrlichkeit im Kleinen.
Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg beschreibt den Ersten Weltkrieg in seinem Verlauf und seinen Nachwirkungen für den deutschen Südwesten. Der Krieg veränderte Staat, Gesellschaft und Alltag weit über die Fronten hinaus. Für den jungen KZV bleiben aus diesen Jahren nur wenige Spuren. Die Chronik bewahrt vor allem den Anfang, einige Namen und die Rückschau, dass der Start schwer war. Mehr geben die vorhandenen Spuren nicht her – und gerade diese Kargheit passt zu einer Zeit, in der vieles andere dringlicher gewesen sein muss.
Doch der Verein bestand weiter.
Das ist der eigentliche Kern dieses ersten Kapitels. Nicht, dass aus dem Jahr 1914 eine vollständige Gründungsgeschichte erhalten wäre. Sondern dass aus einem Anfang, der nur bruchstückhaft sichtbar ist, eine Geschichte wurde, die 75 Jahre später aufgeschrieben werden konnte – und die heute weiter erzählt wird.
1920: Georg Decker tritt in die Geschichte ein
Mit dem Jahr 1920 wird die Überlieferung deutlicher. Georg Decker kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Bissingen, trat 1920 in den Verein ein und wurde unter Vorstand Dietz bald zum Kassier gewählt. Lange blieb er nicht Kassier. Er wurde Vorsitzender, während Georg Herrmann das Amt des Kassiers übernahm und bis in die 1950er-Jahre behielt.
Damit endet der erste Abschnitt der Vereinsgeschichte nicht mit einem grossen Fest, nicht mit einer Ausstellung, nicht mit einem Bau. Er endet mit dem Eintritt eines Mannes, dessen Name die nächsten Jahrzehnte prägen sollte.
Was 1914 begonnen hatte, war 1920 nicht mehr nur ein Anfang. Es war ein Verein, der die ersten schweren Jahre überstanden hatte. Seine frühen Bücher waren später verloren, aber seine Geschichte riss nicht ab. Sie ging weiter – mit Georg Decker, Georg Herrmann und einer Generation, die den KZV durch Zeiten führen sollte, in denen Deutschland, Württemberg und auch das Leben unter der Teck wiederholt ihr Gesicht veränderten.
Der zweite Teil dieser Serie beginnt deshalb mit einem Namen: Georg Decker. Und mit einer Frage, die weit über eine einzelne Person hinausweist: Wie trägt man einen kleinen Verein durch grosse, unruhige Jahrzehnte?
Quellen & weiterführende Hinweise
Interne Grundlage:
Festschrift „75 Jahre Kleintierzuchtverein Bissingen an der Teck“, insbesondere Vereinschronik, Grussworte und Ausführungen zum Vereinszweck im Gründungsjahr.
- Gemeinde Bissingen an der Teck: Ortsportrait und Geschichte Bissingen
- LEO-BW: Bissingen an der Teck
- Deutsches Historisches Museum / LeMO: Der Erste Weltkrieg
- Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Der Erste Weltkrieg in Baden-Württemberg
- Landesarchiv Baden-Württemberg: Monarchie und Moderne – Das Königreich Württemberg 1806–1918
- DRK-Bereitschaft Nürtingen: Geschichte im Ersten und Zweiten Weltkrieg
- Stadt Kirchheim unter Teck: Ein Streifzug durch die Geschichte



